Start der Serie: Ein ganzes Unternehmen in einer Person
08.10.2012 | 11:00 | Nikolaus Koller (Die Presse)
Mehr als 240.000 gibt es bereits von ihnen: EPU machen mehr als die Hälfte aller Unternehmen im Land aus. Viele Gründer erhoffen sich mehr Flexibilität in der Selbstständigkeit.
Allein, aber doch nicht einsam: Vor fünf Jahren hat sich Susanne Shouman selbstständig gemacht. Sehr erfolgreich, wie sie im „Presse“-Gespräch betont. Die 35-jährige Burgenländerin zählt mit ihrer Werbeagentur sowohl „viele andere Neugründer“ wie auch große Konzerne zu ihren Kunden. Ihr Unternehmen besteht aus ihr selbst – Shouman arbeitet als Ein-Personen-Unternehmen. Solche EPU werden immer häufiger. Über 240.000 gibt es von ihnen schon in Österreich (siehe Infobox), mehr als 55.000 davon allein in Wien.
Allein muss und kann Shouman aber nicht alle Aufträge abarbeiten: Wie viele andere Ein-Personen-Unternehmen arbeitet sie mit anderen – meist auch EPU – Betrieben zusammen. Durch diese Arbeitsgemeinschaften entwickeln sich berufliche Netzwerke, welche wiederum zu neuen Geschäftsmöglichkeiten werden. Es sei wichtig, bei beruflichen Tätigkeiten nicht allein zu sein, sagt Shouman, die noch während ihres Publizistikstudiums den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat – „sehr euphorisch“, wie sie betont. Ein Netzwerk zahle sich vor allem für EPU in mehrfacher Hinsicht aus.
Netzwerk: „Wie Arbeitskollegen“
Zu Beginn habe ihr der Austausch mit anderen gefehlt, erinnert sie sich. Das habe sich aber durch den Aufbau beruflicher Netzwerke geändert. „Das ist für mich wie für andere die Arbeitskollegen“, sagt Shouman. Mit vielen anderen Unternehmern ist sie beruflich fast täglich in Kontakt, einige – wie beispielsweise Grafiker – arbeiten auch für sie. „Das fühlt sich manchmal so an, als würden sie im Büro gleich nebenan sitzen“, spielt Shouman auf ihren Vergleich mit den Arbeitskollegen an.
Dass die in Unternehmerkreisen gängige Eigendefinition vom Selbstständigen, der vor allem selbst und ständig arbeite, durchaus seine Richtigkeit habe, hat Shouman auch selbst erlebt: „Am Anfang war es schon schwer, sich um alles selbst kümmern zu müssen“, sagt die Unternehmerin, die zuvor als Angestellte gearbeitet hat. Ob EDV oder Assistenz – viele Arbeiten, welche in Unternehmen von anderen Abteilungen erledigt werden und den eigenen Arbeitsalltag erleichtern, müssen Gründer selbst übernehmen.
Sich selbst verwirklichen
Trotz dieser Schwierigkeiten zu Beginn: „Ich bereue meine Selbstständigkeit keinen Tag“, sagt Shouman: „Ich freue mich über meine kreative Freiheit.“ Letztere war auch der Grund, warum sie zur Gründerin wurde: In die Selbstständigkeit zog es Shouman vor allem, weil sie im Angestelltenverhältnis nicht ihre Kreativität so ausleben konnte, wie sie sich das vorgestellt hatte.
Damit ist sie nicht allein: Laut einer Umfrage der KMU-Forschung Austria geben 72 Prozent der befragten EPU „Selbstverwirklichung“ als eines der Motive für eine Gründung an. Über die Jahre wurde dieser „Gründungsgrund“ immer wichtiger: 2007 gaben nur 59 Prozent der Befragten an, sich durch Unternehmertum selbst verwirklichen zu wollen. Zwei Jahre später waren es bereits 63 Prozent. Die Bedeutung der „Selbstverwirklichung“ wird nur noch durch den Wunsch nach flexiblerer Zeiteinteilung – 73 Prozent haben diese angestrebt – übertroffen.
„Habe meinen Weg gefunden“
Die Motive, ein EPU zu gründen, waren insgesamt überwiegend positiver Natur: Knapp jeder Zweite erhoffte sich eine Steigerung des Einkommens, die Möglichkeit, eine Produktidee umzusetzen, oder eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eine Gründung aus Arbeitslosigkeit (17 Prozent) oder mangels anderer beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten (29 Prozent) geben weniger an. Viele sind mit ihrer Situation als Alleinunternehmer zufrieden. Shouman: „Ich habe meinen Weg gefunden. Den als EPU.“
Diese Serie wird von der „Presse“ in redaktioneller Unabhängigkeit gestaltet und ist durch finanzielle Unterstützung der Wirtschaftskammer Österreich möglich geworden.
Der zweite von zehn Teilen erscheint nächste Woche.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)













