"Big Four": Die Umsätze steigen, die Sorgen auch
17.09.2012 | 13:31 | Andrea Lehky (Die Presse)
Branchenradar. Regulierung, Globalisierung, Preis- und Kostendruck machen dem vierblättrigen Kleeblatt der großen Kanzleien zunehmend zu schaffen. Die Geschäftsführer sprechen gar davon, Services auszulagern – oder sie überhaupt nicht mehr anzubieten.
Trendübersicht: Wie die Bosse der „Big Four“ Gegenwart und Zukunft ihrer Branche beurteilen. Fünf Fragen, vier Geschäftsführer, 20 Antworten:
Ihre Umsatz- und Mitarbeiterzahlen (MA) 2010 und 2011 für Österreich?
Bernhard Gröhs, Managing Partner Deloitte Österreich
2010: 110,5 Mio. Euro, 892 MA
2011: 112,1 Mio. Euro, 936 MA
Ca. 200 Neuaufnahmen und Abgänge pro Jahr
Helmut Maukner, Country Managing Partner Ernst & Young Austria
2010: 64 Mio. Euro, 500 MA
2011: 65 Mio. Euro, 550 MA
Ca. 100 Neuaufnahmen pro Jahr, Abgänge k. A.
Lieve Van Utterbeeck, Partner (Audit) KPMG Austria
2010: 154 Mio. Euro, 1025 MA
2011: 158 Mio. Euro, 1035 MA
(Geschäftsjahr jeweils 1. 4. – 31. 3.)
Ca. 200 Neuaufnahmen pro Jahr; Fluktuation rund 20 Prozent
Friedrich Rödler, Senior Partner PwC Österreich
2010: 60,6 Mio. Euro, 620 MA
2011: 71,0 Mio. Euro, 700 MA150–250 Neuaufnahmen pro Jahr; Fluktuation rund 20 Prozent
Welche sind für Sie die aktuell wichtigsten Trends in der Wirtschaftstreuhand?
Bernhard Gröhs, Deloitte
- Zunehmende staatliche (Über-)Regulierung, damit sprunghaft steigender Beratungsbedarf
- Steigende Komplexität im Arbeitsalltag überfordert die Firmen
- Steigender Standardisierungsbedarf, Treuhänder werden in die Prozessoptimierung eingebunden
Helmut Maukner, Ernst & Young
- Klarer Trend zu stärkerer Regulierung und Überwachung des Berufsstandes
- Trend zur Spezialisierung
Lieve Van Utterbeeck, KPMG
- Spezialisierung: Vernetzte Experten statt Allrounder
- Globalisierung: Länderübergreifende Projekte; Auslagerung einfacher Tätigkeiten ins Ausland
- IT: Vermehrte Einbindung
- Compliance: Komplexität des Regelwerks nimmt zu
Friedrich Rödler, PwC
- Prüfung: Verstärkte Regulierung; Prüferrotation; Kundenerwartung, auch künftige Entwicklungen zu berücksichtigen
- Steuerberatung: Aggressives Auftreten der Finanzbehörden bei Prüfungen; immer komplexeres Steuerrecht; Rechtsunsicherheit
Neben dem klassischen Geschäft: In welchen Bereichen boomt die Nachfrage?
Bernhard Gröhs, Deloitte
- In Forensic & Fraud, Governance, Risikoabwehr und Regulierung
- Bei der bevorstehenden Einführung des Enforcements (Bilanzpolizei) für börsenotierte Unternehmen, die IFRS anwenden müssen
- Weiters Outsourcing, Prozessberatung und Kompetenz auf Zeit
Helmut Maukner, Ernst & Young
- Prüfung: Compliance-, Rechnungslegungsberatung; AR-Unterstützung (Risk Management, Internal Controls, Corporate Governance Evaluierung)
- Steuerberatung: Verrechnungspreise, Umsatz- und Verbrauchssteuern; Expatriates; Finanzierung
Lieve Van Utterbeeck, KPMG
- Forensic & Fraud
- Compliance und Risk Management
- IT-Analyse und -Unterstützung
- Komplexe Fragen in der Rechnungslegung, besonders IFRS (International Financial Reporting Standards)
Friedrich Rödler, PwC
- Forensic & Fraud
- Interne Compliance
- Absicherung gegen Fehlleistungen und Unterstützung bei Implementierung und Prüfung von Compliance-Themen
- Business Recovery Services
- IFRS: Nur mehr lfd. Änderungen
Wie weit stellen die zunehmenden Haftungsrisken eine Bedrohung für die Branche dar?
Bernhard Gröhs, Deloitte
„Haftungsrisken haben zu deutlich gestiegenen Kosten geführt, intern ebenso wie extern (Berater, Versicherungen).“
Helmut Maukner, Ernst & Young
„Die in Österreich geltenden Haftungsregelungen liegen weit über jenen anderer Ländern. Es stellt sich die Frage, wie weit die Haftungsrisken noch versicherbar sind. Wird eine kritische Grenze überschritten, werden die Dienstleistungen einfach nicht mehr angeboten.“
Lieve Van Utterbeeck, KPMG
„Der unerfreuliche Trend, Abschlussprüfer bei Unregelmäßigkeiten in Unternehmen verstärkt zu beschuldigen, erhöht deren Versicherungskosten. Zusätzlich führt er dazu, dass der spannende Beruf für junge, engagierte Leute weniger attraktiv wird.“
Friedrich Rödler, PwC
„Es zeigt sich, dass es seit der Finanzkrise 2008 schwieriger wurde, Haftpflichtversicherungen mit angemessenen Prämien zu finden. Die Frage ist: Wie stoppt man das Auseinanderklaffen der Schere zwischen steigendem Risiko und sinkenden Honoraren?“
Welche Veränderungen sehen Sie für die nächsten Jahre voraus?
Bernhard Gröhs, Deloitte
„Ganz klar: Going global. Die zunehmende Internationalisierung, vor allem bei großen Klienten, bewirkt höhere Mobilität der Mitarbeiter und auch Verlagerung der Dienstleistungen in andere Länder. National werden wir hoch spezialisiert arbeiten, standardisierte Services werden vermehrt ausgelagert. Zunehmend werden wir direkt beim Klienten agieren.“
Helmut Maukner, Ernst & Young
„In Österreich stellt sich die Frage, ob die automatisch kombinierte Berufsbefugnis Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung aufrechterhalten werden kann (EU-weite Vereinheitlichung). Bei der Abschlussprüfung wird die Regulierung weiter zunehmen, woraus eine Segmentierung des Marktes in börsenotierte und nicht börsenotierte Unternehmen droht.“
Lieve Van Utterbeeck, KPMG
„Wir sehen massive Änderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen, die ebenso wie Rechnungslegungsstandards mit immer höherer Geschwindigkeit kommen. Das verlangt schnelleres Lernen und Reagieren. Weiters verstärkt die Globalisierung den internationalen Ansatz, was vermehrt zur Einbettung von Mitarbeitern in internationale Teams führt.“
Friedrich Rödler, PwC
„Sollten laut EU-Kommission Prüfung und Beratung getrennt werden, wird das die Prüfung empfindlich verteuern. Ferner geht die Berichterstattung weg von der rein vergangenheitsbezogenen Analyse – beides fatale Entwicklungen. Um die erforderliche Qualität zu angemessenen Preisen zu halten, muss die Branche Teile der Prüfung in Kompetenzzentren ausgliedern.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.9.2012)













