Ein Zeugnis für soziales Engagement
03.09.2012 | 12:12 | Nikolaus Koller (Die Presse)
Tourismus. Die Vermittlung von Ethik müsse einen fixen Platz in der Ausbildung haben, sagt Modul-University-Rektor Karl Wöber. Österreich schlägt sich wacker, hat aber seine Vorreiterrolle abgegeben.
Die Vermittlung von Werten wird an der Modul University großgeschrieben: Neben der klassischen Beurteilung erhalten alle Studierenden ein zweites Zeugnis, welches einen Überblick über ihr ehrenamtliches Engagement neben dem Studium gibt. Neben der sozialen Kompetenz sowie interkulturellem Know-how wäre vor allem die Vermittlung von Werten zentral in der touristischen Ausbildung, so Karl Wöber, Rektor der Modul University im Rahmen eines Kamingesprächs beim Europäischen Forum Alpbach letzten Mittwoch. „Wir sind der Ansicht, dass ethische Einstellungen Grundpfeiler einer akademischen Ausbildung sein sollen“, sagt der Touristiker.
Die private Hochschule, die im Eigentum der Wirtschaftskammer Wien steht, bietet verschiedene Studienprogramme an. Der Fokus liegt in der Tourismus-Ausbildung. Die 350 Studierenden werden dazu ermutigt, sich während des Studiums sozial zu engagieren.
„Stewardship“ gefordert
Da rund 60 Prozent der Studiosi aus dem Ausland kommen, ist die Universität auch bei der Vermittlung an karitative und soziale Vereine behilflich. Das Angebot wird gut angenommen: Etwa 40 Prozent der Studierenden sind sozial engagiert. Darüber hinaus müsste jede Lehrveranstaltung auch so ausgerichtet sein, dass in ihr Werte vermittelt werden können. Konkret sollten die Studierenden beispielsweise „Stewardship“ lernen. Statt „Leadership“, der Qualifikation, welche eine gute Führungskraft ausmacht, beinhaltet der Begriff „Stewardship“ zusätzlich eine ethische Komponente. Die größten Jobchancen für Touristiker ortet der Rektor im Ausland. Darüber hinaus würden viele seiner Absolventen in verwandten Bereichen – etwa der Logistik oder im Umfeld der Raumplanung – tätig werden.
Das Interesse der Jugend, in klassischen touristischen Berufen wie als Koch oder Kellner zu arbeiten, sei gering, sagt Wöber. Somit komme es zu einer Diskrepanz zwischen der Nachfrage nach Arbeitskräften und der Zahl der Anbieter. Die Lücke würde nicht selten mit ausländischen Mitarbeitern gefüllt.
Innovationen fehlen
Mit der heimischen Tourismusbranche ist Wöber nicht ganz zufrieden: Prinzipiell habe sich Österreich „wacker geschlagen“, sagt er. Im internationalen Vergleich stehe der Standort – noch – relativ gut da. Als Stärken der heimischen Branche nennt er sowohl die Natur als auch das vielfältige Angebot, ferner dass sich Sommer- und Wintersaison ausgeglichen haben sowie das duale Ausbildungsmodell der Wirtschaft.
„Zu zufrieden darf man allerdings nicht sein“, sagt Wöber: Andere Länder und Regionen würden stärker wachsen als die Alpenrepublik. Das Innovationspotenzial, das den Tourismus lange geprägt habe, sei großteils eingeschlafen.
Dadurch würden die Margen der heimischen Touristiker zurückgehen. Seine These macht Wöber am Beispiel der Online-Buchungsplattformen fest: Früher sei die heimische Touristikbranche hier Vorreiter gewesen. „Das wirkt heute unvorstellbar, oder?“, fragt er in die Runde. Heute sei das Geschäft fest in der Hand weniger ausländischer Anbieter. Aufgrund ihrer oligopolistischen Situation würden sie die Preise diktieren: Die heimischen Betriebe könnten es sich nicht leisten, auf diesen Plattformen nicht vertreten zu sein. Das Geld fließe ab – langfristig würden auf diesem Weg Wettbewerbsvorteile verloren gehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 1.9.2012)













