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Arbeiten Land Provinz kaempft

Arbeiten auf dem Land: Die Provinz kämpft um Talente

17.08.2012 | 09:24 |  Jürgen Leidinger (Die Presse)

Immer mehr Menschen zieht es in die Ballungsräume: Wie zwei Regionen auf ihre Weise der Landflucht begegnen und ein Hightech-Unternehmen abseits der Zentren nach Topkräften angelt.

Manchmal scheint es, als ginge den Österreichern das Wort „Provinz“ besonders leicht über die Lippen. Der Verdacht auf Provinzialismus gehört zu den Totschlag-Argumenten der heimischen Debattenkultur. Für eine ländlich geprägte Gesellschaft nicht weiter verwunderlich – doch wie viel Provinz in diesem Land steckt, ist gar nicht leicht zu beantworten.  

In den Augen der Statistik Austria leben ganze zwei Drittel der Österreicher in Stadtregionen. Von diesen 5,5 Millionen Menschen bewohnen 4,1 Millionen städtische Kernzonen und 1,4 Millionen sogenannte Außenzonen. Die OECD verortet dagegen nur 22 Prozent der Bevölkerung in „urbanisierten“ Regionen. Das EU-Projekt „Leader 2007–2013“ wiederum geht von einem 50-50-Verhältnis zwischen Stadt und Land aus. 

Ph.D.s im Innviertel 

Abseits statistischer Feinheiten liegt St. Florian am Inn ganz definitiv auf dem Land. Linz, Wels, Passau liegen in Pendler-Reichweite, doch daheim ist man eindeutig am Land. Mit Internationalismus verträgt sich das erstaunlich gut. Die EV Group (EVG) fertigt vor Ort Präzisionsanlagen für Kunden aus der Halbleiterindustrie, Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie. Trotz weltweiter Niederlassungen arbeitet ein Großteil der 570 Beschäftigten am Stammsitz St. Florian, praktisch jeder als Fachkraft. 

Vom Facharbeiter in der Fertigung über HTL-Absolventen aus vier, fünf Bereichen bis hin zum Maschinenbauingenieur oder Ph.D. der theoretischen Physik sucht Personalchef Adolf Hanke praktisch die gesamte Bandbreite technischer und naturwissenschaftlicher Fachkräfte: „In unserem Prozessteam arbeiten 30 Mitarbeiter aus zehn Nationen“, erzählt Hanke. „In diesem Bereich rekrutieren wir weltweit.“

EVG geht an alle relevanten HTLs, tummelt sich auf den universitären Jobbörsen im bayerischen Deggendorf, in Linz und Hagenberg. Arbeitsklima und Perspektiven haben sich längst vom Sonntagsthema zum Wettbewerbsfaktor entwickelt. Der Familienbetrieb beteiligt seine Mitarbeiter am Gewinn, hat die Arbeitszeiten flexibilisiert, bietet ein Fitnesscenter und ein „Wohnheim“ mit 30 Appartements für zugezogene Mitarbeiter.

„Wir versuchen die Fluktuationsrate so niedrig wie möglich zu halten. Denn im Recruiting ist die Konkurrenz groß“, sagt Hanke. Sowohl in Oberösterreich als auch im benachbarten Bayern sind die Arbeitslosenraten vergleichsweise niedrig, dementsprechend hart gestaltet sich der Wettbewerb um den Nachwuchs. Andere Regionen würden sich solche Probleme wünschen. Während die „Speckgürtel“ um die großen Städte immer dicker werden, prognostiziert die Statistik Austria „flächendeckend und vergleichsweise starke Einbußen an Erwerbspersonen“ für die Steiermark, das Mittel- und Südburgenland, Kärnten und einige Salzburger Regionen.

Rückkehrer gefragt 

Zu den problematischen Gebieten gehört der Oberpinzgau im Westen Salzburgs. Die neun Gemeinden versuchen, den Themen Landflucht und Fachkräftemangel auf eigene Art und Weise zu begegnen. Die Initiative „Komm-Bleib“ bildet auf einer gemeinsamen Webseite alle freien Jobs und offenen Lehrstellen in der Region ab, gibt Kontaktmöglichkeiten für betreute Diplomarbeiten und Praktika, listet Kinderbetreuungsplätze auf und wirbt mit Testimonials für Infrastruktur und Lebensqualität in der Wintersportregion. Ziel ist nicht nur, jungen Menschen zu zeigen, dass es sich lohnen könnte zu bleiben, sondern auch abgewanderte Pinzgauer zur Rückkehr zu bewegen, etwa über zukünftige Stellen, die in den nächsten Jahren frei werden, und sich jetzt schon auf der Seite finden.

„Es ist ein Experiment“, sagt Andreas Mühlbauer vom Regionalverband Oberpinzgau. „In einem nächsten Schritt wollen wir auch über Social Media verstärkt Kontakte mit Abgewanderten knüpfen.“

Ähnliche Versuche unternimmt man auch im Waldviertel, als periphere Region von der Statistik ebenso mit düsteren Bevölkerungsprognosen bedacht. Manche Gemeinden dort haben im vergangenen Jahrzehnt zehn Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Nicht umsonst präsentiert man sich deshalb Ende August auf dem Wiener Heldenplatz mit 100 konkreten Jobs den in die Bundeshauptstadt abgewanderten Waldviertlern. Daheim wartet nämlich keine Jobwüste: „Derzeit suchen ungefähr 200 Waldviertler Betriebe etwa 500 Arbeitskräfte“, sagt Ernst Wurz, Leiter der Bildungsplattform im Regionalmanagement Waldviertel sowie Vorstandsvorsitzender der „Waldviertel Akademie“.

Kernproblem Technikaversion 

Die Herausforderung heißt: qualifiziertes Personal für vorhandene Jobs ausbilden oder finden. Neben einer großen Weiterbildungsoffensive versuchen Wurz und Mitstreiter, jungen Waldviertlern und ihren Eltern Lehrstellen schmackhaft zu machen. Es herrscht akuter Technikermangel. So hat jeder Bezirk eine Handelsakademie, in der ganzen Region gibt es aber nur eine HTL. Über eine zweite wird verhandelt.

Die Neuauflage eines berufsbegleitenden FH-Studiengangs in der Region liegt mangels Zulauf ebenso auf Eis wie ein Kollegangebot an der HTL. „Viele Eltern raten ihren Kindern immer noch von technischen Ausbildungen ab, weil sie als schwieriger gelten“, sagt Wurz. Gleichzeitig sind viele Maturanten ohne Job. Manchmal ist „die Provinz“ kein geografischer Ausdruck sondern eine Kategorie des Denkens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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