Serie "Jungbrunnen Arbeit": Zeit spenden statt Geld scheffeln
13.08.2012 | 10:31 | Johanna Zugmann (Die Presse)
Freiwilligenarbeit. Die einen träumen von Reisen und Rosengarten, andere schaffen in ihrem Leben nach dem Berufsleben für Gottes Lohn. Der Serie letzter Teil.
Maximilian Stockert hat eben acht Koffer mit Maßanzügen aus edelstem Tuch in sein Auto gepackt. Wohin die Reise des 60-Jährigen geht? Nein, nicht auf Weltreise per Kreuzfahrtschiff, sondern in die Gruft. Die Fracht hat der ehemalige Treasurer der STUAG, der 1999 mit einem Golden Handshake verabschiedet wurde, von einer frisch verwitweten Cottage-Villenbesitzerin abgeholt. Und freut sich darüber, dass die „Gruft-Kunden“ auch einmal was wirklich Schönes bekommen.
Geld und Macht seien nicht immer das Erstrebenswerteste, räsoniert Stockert, der schon vor 1999 Suppen für Obdachlose ausfuhr. Als 47-Jähriger absolvierte er einen Kurs für Sterbebegleitung, seine heutige Haupttätigkeit als Freiwilliger.
Gerhard Tragauer war 20 Jahre Geschäftsführer der Konsum-COOP-Betriebe und eine weiteren Dekade Unternehmensleiter in der Privatwirtschaft. Als er 2008 in den Ruhestand trat, wuchs sein Wunsch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Einer Ausbildung in Krisenintervention folgte das Freiwilligenengagement beim Roten Kreuz. Neben der Betreuung Traumatisierter liest Tragauer nun regelmäßig den Bewohnern des Senioren- und Pflegehauses Klosterneuburg Literatur vor.
„Sowohl aus altruistischen als auch aus egoistischen Gründen“ hat sich Hans Fröschl 2009 sofort nach seiner Pensionierung als Stabstellenleiter bei den ÖBB zur Freiwilligenarbeit entschieden. Der Diplomingenieur investiert seine Freizeit im Haus Daria in Nachhilfe für Asylwerber. Die Rendite: wenn aus „nicht genügend“ „genügend“ oder „befriedigend“ wird, gebraucht zu werden und ein Zeitgerüst zu haben.
„Ich hab mich gut vorbereitet“, erzählt die Kinderärztin Maria Holzer, die ihre Praxis vor zwei Jahren schloss und in Pension ging. Doch plötzlich sei alles erledigt: der Englischkurs absolviert, das Reisefieber gesenkt, die Kastln alle geräumt.
„Mir haben die Kinder gefehlt und ich wollte nicht – wie viele in meinem Alter – einfach daheim verblöden. Die Ärztin engagierte sich alsbald in einem Mutter-Kind-Heim und absolvierte nebenher zahlreiche Ausbildungen: Unter anderem hat sie das erste EU-Diplom in „Sustainable Learning in the Community“.
Nichts für Sozialromantiker
Stockert, Fröschl, Holzer und Tragauer sind finanziell gut aufgestellt. „Freiwilliges Engagement muss man sich leisten können. Wessen Geld nur knapp fürs Leben reicht, kann kaum Zeit spenden“, weiß Petra Mühlberger. Die 30-jährige Ethnologin und Sprachwissenschaftlerin managt die derzeit 1500 Freiwilligen bei der Caritas Socialis.
Recruiting muss sie nicht betreiben, wöchentlich melden sich an die zehn neue Aspiranten. Eingesetzt würden sie allerdings erst nach einer Engagementberatung in Workshopform. – „Um Enttäuschungen vorzubeugen und allzu sozialromantische Vorstellungen in Realitätsnähe zu rücken“, so Mühlberger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)












