Suchtmittel und Leistung: Wie gedopt sind unsere Eliten?
27.07.2012 | 10:36 | Jürgen Leidinger (Die Presse)
Manche Branchen gelten als drogenaffin und einige Arzneien werden als Wachmacher missbraucht. Die permanent aufgeputschte Leistungsgesellschaft bleibt aber ein Märchen: sechs Fakten.
Wo Ausdauer oder Schnelligkeit im Mittelpunkt stehen, wird irgendwo auch gedopt. Das ist kein inhaltsleeres Klischee. Vielmehr werden auch die aktuellen Olympischen Spiele zeigen, dass ein solches Event ganz ohne unerlaubte Leistungssteigerung und damit verbundene Skandale nicht denkbar ist. Immer wenn solche Fälle publik werden, folgt schnell der Rückschluss auf die Gesellschaft. Ist nicht auch im harten Wirtschaftsleben Doping an der Tagesordnung? Leben wir nicht längst in einer aufgeputschten Gesellschaft oder zumindest mit einer gedopten Elite?
1. Statistiken sind weniger spektakulär als Anekdoten.
Drogenbeichten sind eine Standardkategorie der Society-Berichterstattung – und in Buchform ein Stammgast auf den Bestsellerlisten. Aktuell erzählt beispielsweise der erfolgreiche US-Literaturagent Bill Clegg in „Portrait eines Süchtigen als junger Mann“ (S. Fischer Verlag) von seiner Drogenkarriere, die beim hochgefährlichen Crack und damit nur knapp vor dem Tod endete. Weniger dramatisch lesen sich da die Statistiken: Gute Daten liefert das Wiener Suchtmittel-Monitoring des IFES-Instituts. Unangefochtener Spitzenreiter ist hier Cannabis – alles andere als ein Aufputschmittel: Etwas mehr als 20 Prozent der Wiener Bevölkerung hat damit mindestens einmal Erfahrung gemacht. Weit abgeschlagen dahinter liegen Aufputscher wie Kokain (fünf Prozent), Amphetamine (beispielsweise Speed) oder Ecstasy (jeweils drei Prozent).
2. Kokain bleibt die traditionelle „Karriere-Droge“.
So etwas wie eine Droge der Eliten ist am ehesten Kokain. Seit Jahrzehnten etabliert, weisen die Zahlen von 2011 einen marginalen Anstieg auf. „Es wird vor allem in Berufsgruppen mit Terminarbeit und solchen mit variablen Gehaltsbestandteilen konsumiert“, sagt Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz am Wiener AKH. Mitarbeiter in der Medien- und Kreativwirtschaft sowie allgemein Führungskräfte sind häufiger betroffen als andere. Kokain wird sowohl als Partydroge als auch zur Steigerung der Motivation, Kommunikations- und Überzeugungsfähigkeit genommen – ein Effekt, der bei regelmäßigem Konsum verpufft.
3. Medikamentenmissbrauch dient als „saubere“ Alternative.
„Der etwas elegantere Weg sind Medikamente“, sagt Fischer. Wer an sich regulierte und verschreibungspflichtige Arzneimittel missbraucht, um sich aufzuputschen, umgeht das Risiko, gefährliche Zusatzstoffe oder Streckmittel mit zu konsumieren. Außerdem lassen sich manche Substanzen relativ leicht über das Internet besorgen – etwa Modafinil, ein Mittel, das eigentlich gegen die „Schlafkrankheit“ Narkolepsie verschrieben wird. Schon nach kurzer Google-Suche stößt man auf Bestell-Angebote für ein bis zwei US-Dollar pro Tablette. Rezeptnachweis ausdrücklich nicht benötigt.
4. Ritalin als Leistungsmotor ist kein Massenphänomen.
Besondere Schlagzeilen machte in den vergangenen Jahren das sogenannte Ritalin, eine amphetaminähnliche Substanz. Als Arznei hilft sie Kindern mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Bei Gesunden steigert sie Konzentration sowie Leistungsfähigkeit und soll besonders bei Studenten als „Lerndroge“ beliebt sein. Tatsächlich dokumentieren die Statistiken der Sozialversicherungsträger einen Anstieg der Verschreibungen. Das ist zunächst einmal auf das ADHS-Syndrom zurückzuführen. Dass nicht jede Tablette tatsächlich bei einem ADHS-Patienten landet, ist unbestritten. Zumindest in der Breite lässt sich der Einsatz als Lerndroge aber nicht belegen. Anders die Situation in den USA, aus denen die mediale Ritalin-Debatte importiert wurde. Dort geht der Staat auch gegen weiche Drogen mit unerbittlicher Härte vor, was gleichzeitig den Medikamentenmissbrauch antreibt. „Man muss beim Thema Ritalin vorsichtig sein und sollte nichts heraufbeschwören oder verschreibungspflichtige Medikamente diabolisieren“, sagt Johanna Schopper, im Gesundheitsministerium für Rechtsangelegenheiten rund um Drogen und Suchtmittel verantwortlich.
5. Gerät der Konsum außer Kontrolle, wird oft zu lange gewartet.
In den öffentlichen Anlaufstellen für Drogenabhängige landen karriereorientiere Konsumenten nur selten, erzählt Roland Reithofer, Geschäftsführer der Suchthilfe Wien: „Viele, die experimentieren, hören auch wieder damit auf. Oder sie lassen sich privat therapieren.“ Kommt es zum Suchtproblem, gelten als ausschlaggebende Faktoren die Probleme, die hinter dem Konsum der Substanz stehen: bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, übermäßiger Druck und Drogen als die falsche Lösungsstrategie. Fischer: „Wenn es zum medizinischen Problem wird, merkt man es meist über Krankenstandstage, Unzuverlässigkeit, Zuspätkommen.“ Gegen echte Abhängigkeit hilft nur eine psychiatrsiche Behandlung – das ist aber mit einem Stigma verbunden, eine hohe Hürde. „Da vergeht oft eine viel zu lange Zeit. Dieses Problem gibt es vor allem bei Männern, die das länger mit sich allein herumschleppen“ sagt Fischer.
6. Die größten Probleme gibt es mit der legalen Droge Alkohol.
Laut Anton Proksch Institut sind 5 bis 10 Prozent der heimischen Arbeitnehmer alkoholkrank, der Alkoholkonsum von 870.000 Österreichern wird vom Therapie- und forschungszentrum als problematisch eingestuft. Demgegenüber stehen 20.000 bis 30.000 Suchtgift-Abhängige. Laut Suchthilfe-Geschäftsführer Reithofer dienen oberflächliche Drogendebatten oft nur als Ablenkung: „Dann liegt die Sucht woanders und nicht bei einem selbst – und man muss sich nicht mit dem Alkoholproblem auseinandersetzen, das es gibt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)












