Erfahrungswerte weitergeben
23.07.2012 | 10:07 | Jürgen Leidinger (Die Presse)
Frauenförderung. HP startet ein Mentoring-Programm für Berufseinsteigerinnen. Etablierte Konzern-Führungskräfte sollen Tipps geben und Karriere-Skills vermitteln.
Mentoren haben ihren festen Platz im alltäglichen Sprachgebrauch. Blickt man auf erfolgreiche Werdegänge unterschiedlichster Persönlichkeiten, taucht früher oder später oft ein sogenannter Mentor auf. Meist sind damit informelle Beziehungen in einer Art Schüler-Lehrer-Verhältnis gemeint. Solche Konstellationen kann man nicht von oben herab verordnen oder institutionalisieren.
Mentoring in der Personalentwicklung meint deshalb eine etwas andere Sache. Kurz gesagt: Manchmal ist es Gold wert, sich an jemanden wenden zu können, der schon etwas mehr Erfahrung hat, aber nicht gleichzeitig mein Vorgesetzter oder interner Konkurrent ist. Der IT-Riese HP hat langjährige Erfahrungen mit hausinternen Mentoring-Programmen, in denen erfahrenere Mitarbeiter und Neulinge zusammengebracht werden.
Für die ersten beruflichen Schritte
Auf Initiative von Personaldirektorin Evelin Mayr öffnet sich der Konzern in diesem Bereich auch nach außen und bietet ein Mentoring-Programm speziell für weibliche Berufseinsteiger an: "Zielgruppe sind Studentinnen kurz vor dem Abschluss oder Einsteigerinnen mit maximal zwei Jahren Erfahrung", sagt Mayr. Wieso junge Frauen, die zumindest bislang nicht auf der Payroll von HP stehen, in ihren Karrierebemühungen unterstützen? Die gar nicht auf der Payroll von HP stehen? "Im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie gibt es einen massiven Mangel an Nachwuchskräften und weiterhin nur einen geringen Frauenanteil. Bei uns im Haus liegt er immerhin bei über 30 Prozent, im Schnitt sind es nur 10 Prozent", so Mayr.
Allein deshalb sei jede Maßnahme, die weibliche Karrieren fördert, langfristig auch für das eigene Unternehmen von Nutzen. Selbst in Berufen mit hohem Absolventinnen-Anteil, etwa in der Betriebswirtschaftslehre, stoßen Karriere-Frauen immer wieder auf Hindernisse. In den sogenannten atypischen Berufen wie IT und Technik gilt das umso mehr. Es gilt Rollenbilder und Vorbilder zu schaffen, um die mentale Blockade gegenüber "Männerberufen" langfristig abzubauen.
Jenseits des Fachwissens
Außerdem sollen Karrierekompetenzen vermittelt werden - also Fähigkeiten, die über die rein fachlichen Skills hinausgehen: "Wo liegen Karrierefallen? Wie präsentiere ich mich?" sind Fragen, die sich laut Mayr jede Einsteigerin stellen sollte. "Leistung allein ist es ja nicht. Viele glauben, man muss nur hervorragende Leistung bringen und das wird dann auch reichen. Aber man muss seine Qualfikationen auch verkaufen." Auf sich aufmerksam machen und sich präsentieren, aber auch der richtige Umgang mit dem Einkommen, mit der Zeit sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Berufsalltag und Privatleben sind weitere Fähigkeiten, die erfahrene HP-Mitarbeiter den jungen Frauen vermitteln sollen.
"Mentoring ist generell sehr individuell", sagt Mayr. Deshalb ist es wichtig, Tandems zu finden, die auf persönlicher Ebene gut zusammenpassen. Auf der einen Seite steht ein aus bisherigen Programmen gut gefüllter Mentoren-Pool, auf der anderen Seite eine Liste von Bewerberinnen, die versuchen sollen, einen möglichst authentischen Eindruck von sich zu vermitteln (siehe Infobox am Ende des Textes). Die Programmleitung versucht dann, gute "Matchings" zu finden.
Dass so etwas in der Praxis funktionieren kann, zeigen Initiativen im wissenschatlichen Bereich, wo Frauenmentoring an den Unis bereits eine längere Tradition hat, oder etwa das "Cross Mentoring"- Programm im Bundesdienst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)












