Gastrosophie: Wissensdurst rund ums Essen löschen
09.07.2012 | 17:38 | Johanna Zugmann (Die Presse)
In fünf Semestern lernen die Teilnehmer des Masterlehrgangs, Nahrung holistisch zu betrachten.
Was ist auf unserem Teller, wo kommt es her, wie wurden die Kühe gehalten, deren Milch wir trinken und deren Fleisch wir essen?
Warum soll man in den Monaten ohne „r“ keine Austern essen (hat nichts mit Hitze zu tun), wie haben die alten Römer getafelt, warum wird „dumpstern“ (die Mitnahme von Lebensmitteln aus Abfallcontainern) zur Gesinnungsfrage und wie bin ich ein perfekter Gastgeber? Warum sind Fischstäbchen eckig und warum sieht Striezel wie ein Zopf aus?
Antworten auf diese und noch viel mehr Fragen erhalten Teilnehmer des fünfsemestrigen Masterstudiums „Gastrosophie“, das im Herbst zum dritten Mal startet (Anmeldeschluss ist 15. August).
Der Name leitet sich vom griechischen Sophos (der Mann von Geschmack) und Gaster (der Magen oder das Zentrum der Esskunst) ab. Schon in der Antike zählte das Nachdenken über Ernährung zur Reflexion über das gute Leben.
Im Lehrgang wird das Spektrum von Geschichte der Esskultur über Philosophie, Soziologie, Warenkunde, Medizin, Kunst, Technologie bis hin zu Recht und Fooddesign abgedeckt. „Es geht hier um eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Umgangs mit Lebensmitteln, um Analytik und Reflexion – eben um das Grundlegende der Ernährung und des Konsums“, resümiert Univ.-Prof. Lothar Kolmer, wissenschaftlicher Gründervater und Leiter des Zentrums für Gastrosophie.
Deshalb verknüpfe der Lehrgang wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Themenkomplex Ernährung und Kultur mit medizinischen Aspekten, gesellschaftlichen Wertanschauungen, Wirtschaft und Kommunikation.
Exkursionen von der Schulung des Geschmacks bis zum Kennenlernen weltweiter Küchensysteme ergänzen das Lehrangebot. Die Themenblöcke bieten einen Querschnitt, der Historisches ebenso umfasst wie Warenkunde für Fortgeschrittene, Lebensmittelrecht oder in besonders großem Umfang das Thema Ernährung und Gesundheit.
Der Universitätslehrgang richtet sich an Interessierte aus der Lebensmittelindustrie, dem Lebensmittelhandel, der Pädagogik und Politik, der Gesundheits-, Tourismus- und Medienbranche – an alle, die mehr über die Zusammenhänge von Ernährung, Kultur und Gesellschaft wissen möchten.
Nach fünf Semestern, 48 Wochenenden, zwei Exkursionen, zwölf Seminararbeiten, 100 Praktikumsstunden und einer Master-Thesis mit abschließender kommissioneller Prüfung winkt der Titel Master in Gastrosophy.
Und dann? „Jede noch so kleine touristische Region versucht sich auch über eine kulinarische Identität zu positionieren. Produkte – seien es Lebensmittel oder Kochgeräte – müssen Geschichten erzählen, um sich zu differenzieren. Die Besucherzahlen von Foodmuseen, -ausstellungen und -festivals steigen, Kochsendungen auf TV-Kanälen verzeichnen stetig wachsende Zuseherquoten und die Ausnahme von allgemein rückläufigen Umsätzen im Buchhandel bilden die Kochbücher. Kochschulen, -klubs und -werkstätten schießen aus dem Boden, vermehrt werden von Experten begleitete Gourmet-Reisen angeboten“, konstatiert Peter Peter, der in Wien, Hamburg und Perugia Kulturwissenschaften studierte und in Klassischer Philologie promovierte. Inzwischen ist der Autor und Journalist Gastdozent an beiden Sitzen der von Slow Food gegründeten Università delle scienze gastronomiche in Pollenzo (Piemont) und Colorno (Parma) und an der Universität Salzburg.
Für Gastrosophen sieht er ein wachsendes Beschäftigungsfeld: „Essen ist zum Gesellschaftsthema geworden“, beobachtet Peter Peter. Das Gastrosophen-Einsatzspektrum reiche vom Trendscout für Lebensmittelhersteller, Gastronomie und Hotellerie über Autorenschaft von Kulinarikbüchern und Broschüren bis hin zum Experten für gesunde Ernährung.
Infos: www.gastrosophie.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)













