„Langfristig leistungsfähig bleiben“
25.06.2012 | 13:00 | Juergen Leidinger (Die Presse)
Accenture-Personalchefin Martina Pitterle über die Rolle des Personalwesens, Antworten auf die Forderungen der Generation Y und das Ende der Präsenzkultur.
Die Presse: Business-Partner-Modell, andere Ansätze – welche Rolle spielt die Personalabteilung in einem zeitgemäßen Unternehmen?
Martina Pitterle: Personalarbeit hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert – so wie sich der Arbeitsmarkt, der Wettbewerb und die Mitbewerber geändert haben. Das viel zitierte Business-Partner-Modell wird von jedem Unternehmen anders interpretiert. HR und HR-Mitarbeiter sind verstärkt gefordert, Unterstützer für Entscheidungen zu sein und aufzuzeigen, was die Herausforderungen sind. Was muss ich als Unternehmen tun, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein und zu bleiben – sowohl im Außenverhältnis für den Bewerbermarkt als auch im Innenverhältnis, um die bestehenden Mitarbeiter langfristig zu halten.
Herausforderungen aufzeigen – welche wären das aktuell?
Ein wesentliches Thema ist der Wunsch nach zeitlicher und räumlicher Flexibilität – also etwa nach variablen Arbeitszeitmodellen, die an die jeweilige Lebenssituation angepasst werden. Es kann zum Beispiel sein, dass sich jemand nach einigen Jahren entschließt, eine weitere Ausbildung zu machen. Aber es kann auch heißen, dass jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt gerne einmal drei oder sechs Monate Auszeit für sich in Anspruch nehmen möchte. All diesen Mitarbeiterwünschen versuchen wir zu entsprechen. Wir unterstützen den Wunsch nach Flexibilität auch dadurch, indem beispielsweise jeder Mitarbeiter die gleichen technischen Arbeitsmittel erhält, um an verschiedenen Orten seine Arbeitsleistung erbringen zu können.
Wie gehen Flexibilität und Work-Life-Balance mit einem arbeitsintensiven Beraterjob zusammen?
Die Beratungswelt funktioniert grundsätzlich sehr leistungsorientiert. Wichtig ist jedoch, weg von der Präsenzmentalität hin zur Leistungs- und Ergebnismentalität zu kommen. Nur weil man einen Mitarbeiter, Kollegen oder Vorgesetzten nicht sieht, heißt das noch lange nicht, dass dieser nicht arbeitet und produktiv ist. Work-Life-Balance wird mehr und mehr Thema. Wenn ich langfristig leistungsfähig bleiben will, muss ich Möglichkeiten schaffen, meine Batterien wieder aufzuladen. Das unterstützen wir auch aktiv, etwa durch spezielle Trainings, die Antworten auf die Fragestellungen: „Wie werde und bleibe ich fit und finde einen Ausgleich zu intensiven Arbeitsphasen?“ geben.
Was will die aktuelle Bewerbergeneration eigentlich vom Arbeitgeber?
Da nehme ich eine große Veränderung wahr. Wenn man vor zehn Jahren mit einem Bewerber gesprochen hat, hießen die Prioritäten: erst der Job, dann der Job, dann noch einmal der Job und dahinter irgendwann noch alles andere. Die Einsteiger heute sagen sich nicht mehr: „Jetzt arbeite ich auf etwas hin und dann hab ich es in zehn Jahren besser.“ Sie möchten das, was ihnen wichtig ist, schon jetzt mit ihrem Job vereinbaren. Das kann bedeuten, dass sie Flexibilität in den Arbeitszeiten haben möchten oder die Möglichkeit fordern, sich sozial zu engagieren. Da sind Unternehmen gefragt, ein Angebot dazu schaffen. Denn diese Faktoren sind durchaus wichtige Entscheidungsbausteine für die Karrierewahl.
Sehen Sie im Rennen um Talente eine zunehmende Konkurrenz durch KMU, NGOs und andere Organisationen? Absolventenstudien deuten darauf hin.
Einen Mitbewerb sehe ich durchaus. Die diversen Krisen haben dazu beigetragen, dass sich in manchen Branchen die Rollenbilder der Jobs verändert haben und Unternehmen, die vielleicht früher als weniger attraktiv gegolten haben, jetzt unter anderen Gesichtspunkten als sehr attraktiv gesehen werden. Wenn man viel dafür tut, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, hat man trotzdem gute Karten.
Inwieweit verändert sich durch Social Media die Recruiting-Arbeit?
Soziale Netze sind bereits ein Standard-Recruiting-Kanal, da sie mittlerweile fester Bestandteil unseres Lebens geworden sind. Grundsätzlich hat sich aber die Personalauswahl nicht stark verändert. Die Möglichkeiten miteinander in Kontakt zu treten und Informationen zu erhalten haben sich erweitert. Am Ende des Tages ist es für beide Seiten immer noch ein Abgleichen auf Augenhöhen von Anforderungen, Möglichkeiten und Vorstellungen.













