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Bild: (c) Erwin Wodicka - Bilderbox 

Als die Staatsanwälte sprechen lernten

11.06.2017 | 15:04 |  Andrea Lehky (Die Presse)

Plädoyertraining. Sie vollbringen sprachlich-stimmliche Höchstleistungen und werden jetzt eigens dafür geschult. Was Staatsanwälten bei ihren Plädoyers hilft, ist auch für andere Berufsgruppen nützlich.

Rechtsanwälte sind gute Schauspieler. Sie wissen, wie sie Richter und Geschworene im Gerichtsaal auf die Seite ihres Mandanten bringen, wissen, wie sie an Gefühle appellieren und bei Bedarf auch kräftig auf die Tränendrüse drücken. Sogar ihre Kleidung (rote oder blaue Krawatte) birgt eine gewisse Ausdrucksmöglichkeit.
Staatsanwälte haben es da schwerer. Zum einen agieren sie im Namen der nüchternen Republik, was ihre emotionale Bandbreite von vornherein einschränkt. Zum anderen behindert der schwere Talar ihre körperliche Bewegungsfreiheit. Er verleiht ihnen ein zwar würdiges, aber auch statisches Auftreten.

Diese Nachteile machen sich besonders beim Schlussplädoyer bemerkbar. Die Vereinigung der Staatsanwälte erkannte diesen wettbewerbsverzerrenden Nachteil und stellte mithilfe des Justizministeriums ein Training auf die Beine, das diese Themen sowohl inhaltlich-argumentativ als auch sprechtechnisch adressiert. Es überrascht wenig, dass der Pilottermin augenblicklich ausgebucht war. Weitere Termine sind gerade im Entstehen.

Das Was und das Wie

Einer der drei Experten, die zweieinhalb Tage mit der ersten Gruppe arbeiteten, ist die Stimmtrainerin und frühere Radiosprecherin Ingrid Amon. Sie gewann „große Hochachtung“ vor der tagtäglichen Leistung der Staatsanwälte: „Zuerst antizipieren sie, was der Verteidiger als Nächstes sagen wird. Dann kommen sie dem zuvor, legen dabei aber jedes ihrer Worte auf die Goldwaage: Was sie sagen und wie sie es sagen.“

Für das Was erarbeitete die Gruppe einen Formulierungspool, eine Liste von fein nuancierten Stehsätzen für Einleitung, Anklage, Plädoyer und andere Standards. Dem Amt entsprechend sind sie emotional abgeschwächter als die der Verteidiger.

Beim Wie griff Amon auf den sprechtechnischen Werkzeugkasten zurück. Der ist hier zwar auf die spezielle Berufsgruppe zugeschnitten, dient aber genauso jeder anderen:

► Staatsanwälte sind mehrmals pro Tag in Verhandlungen aktiv. Damit sie das stimmlich durchhalten, machen sie jetzt regelmäßig Stärkungsübungen. Wie professionelle Sänger lernten sie den ökonomischen Umgang mit ihrem Organ.

► Ein klassisches Damenthema sind hohe, piepsige Stimmen, die besonders unter Stress ins Schrille kippen. Die weiblichen Staatsanwälte lernten, ihren Bassanteil zu stärken. Trick: Sätze tiefer beginnen und tief enden lassen. Das bringt die jeweilige Aussage „auf den Punkt“.

► Klare und präzise Sprache mit angepasster Form. Je nach Persönlichkeit des Angeklagten wählt auch der Staatsanwalt schlichte oder hochgestochene Worte.

► Haupt- und Schlagwörter stark zu betonen macht sie eindringlich.

► Bewusste Pausen heben die Spannung auf das, was kommt.

► Schnell/langsam variieren. Bei Vorgeschichte oder Nebenstrang Gas geben, bei entscheidenden Passagen wie dem Tathergang das Tempo reduzieren – und die Spannung steigt.

► Laut/leise variieren. Donnern versus flüstern. Hier sind Staatsanwälte gegenüber anderen Berufsgruppen im Vorteil: Bei ihren Plädoyers ist es mucksmäuschenstill im Saal. Dann entfaltet auch eine bewusst leise gehaltene Passage ihre volle Wirkung.

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