Crowdfunding: „Wer ein Projekt in den Sand setzt, kriegt keine zweite Chance“
14.09.2012 | 12:58 | Roman Sonnberger (Die Presse)
Mit „1000x1000“ startet die erste heimische Crowdinvesting-Plattform. Diese soll es Gründern und Unternehmern ermöglichen, direkt in Kontakt mit potenziellen Investoren zu treten und sich dadurch neue Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen.
Kapitalbeschaffung durch eine Masse an Interessierten, die sich mit kleinen Beiträgen finanziell beteiligen können – das ist einer der großen aktuellen, internetbasierten Trends. Die Möglichkeiten dieser Finanzierungsform beschränken sich aber nicht nur auf Kulturprojekte wie den Kinofilm „Iron Sky“. Mit seiner Plattform „1000x1000“ hat der Unternehmer und Innovationsforscher Reinhard Willfort das erste Crowdinvesting-Portal Österreichs geschaffen.
Es bietet die Gelegenheit, ein Projekt vorzustellen und in Kontakt mit Interessenten zu treten. Investoren können sich in Form einer Beteiligungsfinanzierung einbringen. Damit möchte Willfort nicht nur die Risikokapitalfinanzierung, sondern auch die Innovationskultur im Land bereichern.
Der Begriff „Crowdsourcing“ wurde im Jahr 2006 in einem Artikel von Jeff Howe erstmals genannt. Angelehnt an den Terminus „Outsourcing“ wird so das Phänomen bezeichnet, Ressourcen, Ideen und Wissen aus der Masse zu bündeln. Beim Crowdfunding als Unterkategorie ist „die Ressource nicht mehr allein Wissen, sondern vordergründig Geld“, so Willfort. Beim Crowdinvesting wiederum erwartet sich der Kapitalgeber auch finanzielle Rückflüsse aus seiner Beteiligung. Das ist bei vielen der bekannten Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter nicht vorgesehen.
Das Ziel, daran auch Geld zu verdienen, bringt rechtliche Herausforderungen mit sich: „Man kommt ohne Fachexpertise sofort in Teufels Küche, weil man automatisch Geschäftszweige streift, die in Österreich laut Gesetz den Banken vorbehalten sind.“ Das sogenannte „Lending-based Crowdfunding“ etwa entspricht den Privatkrediten. Diese sind in Österreich verboten.
Die Schwierigkeit beim Konstruieren der Plattform „1000x1000“ war deshalb, „eine rechtliche Lösung zu entwickeln, die tragfähig und korrekt ist“. Das gelang, indem die Betreiber selbst nicht an der Transaktion verdienen. Alle Beteiligten haben Konten bei Banken. Letztere dürfen an Transaktionen verdienen. Die Innovatoren zahlen für die Vermittlung an die Plattform: „Unsere primäre Wertschöpfung ist das Verbinden von Leuten, die bis jetzt keinen gemeinsamen Marktplatz hatten.“ Das hat den Vorteil für beide Seiten, den Weg über Banken abkürzen zu können.
Transparenz und Community
„Das erhöht massiv die Transparenz. Als Investor weiß ich, wer zu welcher Zeit was mit meinem Geld tut.“ Neben dem Geld ist auch die Community als „zweiter Motor“ ein wichtiger Faktor, der laut Willfort ein Vielfaches des Cash-Investments wert sein kann. Investoren können in hohem Ausmaß mitdenken und Lösungen beitragen, was für die Unternehmer sehr wertvoll sein kann.
In Zukunft wird Crowdinvesting laut Willfort eine noch viel größere Rolle spielen. Schließlich ist die Risikokapitalszene in Österreich verschwindend klein. Und nicht nur Gründer, auch KMU stehen vor dem Problem der Finanzierung. „Innovationen sind in Österreich schwer finanzierbar. Wer einen Bankkredit will, muss zu hundert Prozent ,werthaltige Sicherheiten‘ mitbringen. Auch bereits zugesagte Förderungen gelten nicht als Haftungssicherstellung.“ Die Lücke für Vorhaben, die aus Bankensicht nur unzureichend abgesichert sind, wird sich nach Willfort zukünftig durch neue Angebote schließen.
Neben dem Finanzierungsproblem sieht er auch die Kultur in Österreich als Hemmnis an. „Wer ein Projekt in den Sand setzt, kriegt meist keine zweite Chance.“ Die Crowds könnten laut Willfort aber dabei helfen, „eine Innovationskultur zu schaffen, wo nicht alles top-down und von der Politik gesteuert wird. Wir wollen die Leute einladen, die Zukunft Österreichs mitzugestalten.“
Am Samstag, 15. 9., hält Reinhard Willfort auf der Bundestagung der Jungen Wirtschaft einen Kurzvortrag zum Thema im Rahmen der Vortragsreihe „Pecha Kucha“ um 16:15 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)



